Thursday, August 03, 2006

Die fetten Tage sind vorbei

...oder sollte ich der Ehrlichkeit halber sagen: "Die fetten Wochen sind vorbei"? Wie auch immer, unterm Strich heisst das, dass der schönste Teil meines Jobs (Sommerferien, natürlich) erst einmal abgelaufen ist. Würde zu gern behaupten, dass ich mich aufs neue Jahr freue, es langsam kaum erwarten kann, wieder eine Routine zu haben und zu unterrichten, dass 8 Wochen wirklich lang genug waren und mir mittlerweile langweilig wurde. Die ehrlichere Version ist aber, dass ich mich natürlich schnell ans Ausschlafen, Rumlungern, Verreisen, Bücher lesen, Filme gucken, Weggehen, Aufbleiben, Ab-und-zu-Arbeiten,... gewöhnt habe. Zumal der Gehaltsscheck nach guter amerikanischer Manier trotzdem alle 2 Wochen aufs Konto kam. :-) Ab morgen geht's also wieder los. Noch nicht gleich mit dem Unterricht, aber dafür mit einem dieser Tage, die ich ganz besonders liebe: Versammlung. Und da es eine katholische Schule ist und Teambildung ja mittlerweile in den meisten "Betrieben" groß geschrieben wird, fangen wir morgen gleich mit einer ganz besonderen, spirituellen Versammlung an. Als erstes eine Stunde Messe, dann Frühstück, dann persönliches Reflektieren über Jesus' Rolle in unserem Leben und Lehren. Und so geht das bis 15 Uhr. Mit Bibel natürlich (die ich in englischer Sprache nicht mal habe). Das war letztes Jahr ähnlich, aber wenigstens in der Schule, wo man zufällig von der Toilettenpause nicht mehr zurückkam. Diesmal ist auf einem der zahlreichen kirchlichen Anwesen hier, in unserem Fall auf dem Campus der Methodisten. Als ich davon gehört habe, war ich echt satt, denn katholische Schule ist gut und schön, aber die Annahme, dass jeder katholisch (oder selbst christlich) ist, 'ne Bibel und Interesse an so einem Tag hat, geht mir gegen den Strich. Die implizite Annahme, dass jeder christlich ist, zur Kirche geht und die Bibel liest. Das war schon in Utah so. Und obwohl ich getauft und konfirmiert bin, mag ich es nicht, dass von mir angeommen, fast erwartet, wird, dass Kirche ein fester Bestandteil meines Alltags ist. Ist es nicht, basta. Und das einzusehen und zu tolerieren fällt Katholiken hier offenbar ähnlich schwer wie Mormonen, Baptisten, Methodisten und weiss der Geier welche 2763 anderen christlichen Splittergruppen es noch gibt. Das ruft in mir irgendwie nur Reaktanz hervor. Ihr seht, ich freue mich unwahrscheinlich auf den morgigen Tag. Ich habe keine Ahnung, was ich erzählen soll zu Jesus' Rolle in meinem Leben...
Mit diesen Versammlungstagen geht es am Mittwoch weiter, bis Freitag (erster Schultag), wo wir von 18-21 Uhr den Eltern nochmal Rede und Antwort stehen können. Offiziell soll es dazu dienen, die Eltern über Kurse und Materalien zu informieren, aber inoffiziell ist es eher dazu da, angestarrt und über sich ausgefragt zu werden (woher, wie lange schon, wo studiert, welche Erfahrungen, wie alt, etc.). Und am darauf folgenden Montag gibt es zur Krönung nochmal eine Versammlung aller katholischen Schulen hier in Nashville. JUUUUUUUUHHHHHHHHUUUUUUUUUU.
Abgesehen davon habe ich vor kurzem erfahren, dass ich im kommenden Jahr 6 statt der erwarteten und versprochenen 5 Kurse unterrichten werde. Das heisst 18 x 70 min pro Woche vor der Klasse stehen, plus Vorbereitung, Hausaufgaben und Klassenarbeiten korrigieren und Noten geben. Dazu werden mir immerhin 6 x 70 min pro Woche gegeben, in denen ich dann kopieren oder mir einen Kaffee kochen kann. Am Anfang war ich ziemlich sauer, da es immerhin nochmal 22 Kinder und 4 Zeitstunden mehr Unterricht für gleiches Gehalt sind, aber mittlerweise bin ich froh, dass es wenigstens ein Psychologie Grundkurs ist. Somit werde ich 2 Leistungskurse und 3 grundkurse in Psychologie haben, plus meinen einen Kurs über Konfliktentstehung und -bewältigung. Kein Latein mehr (was sich, wie ich die Schule kenne, über Nacht aber ändern kann). Damit unterrichte ich also wenigstens das, was ich studiert habe und etwas, für das ich teilweise durch letztes Jahr schon Vorbereitungen habe (die 2 LKs). So sieht das arbeitstechnisch aus.

Da mich das Umfeld der Schule offenbar zunehmend nervt und ich auch mit Kollegen größtenteils irgendwie keinen richtigen, zur Freundschaft ausreichenden, Draht finde, habe ich mich entschlossen, mich für das kommende Jahr nach Alternativen umzusehen. Eine Alternative ist wieder Uni, was aber einen sehr aufwendigen und langen Bewerbungsprozess erfordert (man bewirbt sich für Masters- und Doktorandenprogramme 1 mal im Jahr und in Psychologie werden etwa pro Uni 2-4 Leute aus 300-700 Bewerbern, je nach Ruf der Uni, genommen). Dazu bräuchte ich also wieder den TOEFL und einen weiteren Test, den GRE (Graduate Record Examination). Letzterer ist einzig und allein dafür entwicklet worden, die mathematischen, analytischen und verbalen Fähigkeiten potentieller Doktoranden zu beurteilen und dementsprechend anspruchsvoll, um es mal nett auszudrücken (unnett wäre zu sagen, dass er selbst bei testgeschulten Amis Würgereflexe verursacht). Beide kosten $ 130, bzw. $ 150 und die Ergebnisse sind nur 2, bzw. 5 Jahr gültig (übrigens nicht, weil die Firma ETS Geld machen will, sondern weil man sein Englisch nach 2 Jahren natürlich komplett vergisst!). Dazu kommen ein Motivationsschreiben, 3 Beurteilungen, Interviews, Bewerbungsgebühren zwischen $ 50-80 pro Uni, etc, etc... Und die sehr gute Möglichkeit, dass das alles in 5 or 6 "leider nein" Briefen endet. Eben Bewerbungen. Wenn man aufgenommen wird, ist man aber drin und zwar für 5-6 Jahre, was oft bezahlt ist - zwar mager, aber immerhin. Man besucht dann wieder Kurse, arbeitet eng mit einem Prof zusammen, forscht 'ne Menge, fährt auf Konferenzen, gibt Kurse, benotet Prüfungen der Bachelor-Studenten, usw.. Definitiv ein Vollzeitjob. Derzeit schreibe ich Professoren im ganzen Land an, deren Arbeit sich etwa mit meinen Interessen deckt (da Passung einer DER wichtigsten Faktoren überhaupt ist). Mal sehen, wie und was dabei rauskommt. Bewerbungsfristen sind zwischen Mitte Dezember und Mitte Februar. Bis dahin werde ich in mich gehen und gucken, ob ich das wirklich in diesem Herbst angehen will.
Eine weitere Alternative wäre natürlich, mir einen anderen Job zu suchen. Das ist nicht so leicht, wenn man einen Abschluss hat, von dem keiner 'was gehört hat, von einer Uni, von der keiner 'was gehört hat. Dennoch war ich mutig und habe mich zunächst als Freiwillige beim Nashville Peace and Justice Center beworben. Am Montag habe ich dort ein Vorstellungsgespräch - nicht für einen Job, aber eben potentiell für einen Job in der Zukunft (sie suchen z.B. immer Leute, die Workshops geben oder im Büro arbeiten). Mal sehen, wie das läuft. Vielleicht treffe ich da ja sogar ein paar Leute, mit denen ich mal weggehen kann, ohne dass man um das Glatteis-Thema Politik rudern muss. (Ich war letztens mit einer Kollegin Mittagessen, die mich nach meiner Meinung zu George Bush gefragt hat. Ende des Liedes war, dass wir uns beide brutal über unsere Gegensätze bewusst waren und sie mich wirklich gefragt hat, warum alle Welt so auf ihm rumhacke, er habe einen schweren Job und wer sonst würde denn die Terroristen bekämpfen? Das war das.) Ich habe letztens Dana erst am Telefon erzählt, dass ich finde, das Land sei hier so extrem gespalten, dass es wirklich nur entweder-oder gäbe. Es kommt irgendwie alles im Bündel, wisst ihr? Alles ist miteinander verbunden (und zwar überweigend durch den Glauben) - Homosexualität, Abtreibung, Krieg, Todesstrafe, Umweltschutz, Sozialleistungen, etc.. Das Weltbild vieler ist eben, dass Gott Mann und Frau geschaffen hat ("God created Adam and Eve, not Adam and Steve") um Leben zu generieren und dass das Leben unantastbar ist. Damit hätten wir Abtreibung, oder in extremen Fällen selbst Verhütung, vom Tisch. Ausnahmen sind, wenn jemand "etwas Böses" getan hat. Denn Strafe muss sein. Daher sind Todesstrafe und Krieg wichtig, um die "Guten" vor den "Bösen" zu schützen. Klingt nach Kinderspielplatz oder altem Testament? Eben. Sozialleistungen sind übrigens überflüssig, denn wer fleissig ist, braucht die Hilfe des Staates nicht. Und Umweltschutz ist für richtig extreme Christen auch überflüssig, da Gott die Erde eh mit einem Feuer zerstören wird, nachdem er die "Guten" (schätzungsweise in den Himmel?) gerettet hat. Das sind wirklich keine Märchen, sondern die festen Überzeugungen einer gehörigen Portion von Amerikanern. Zu ihrer Verteidigung muss auch gesagt werden, dass es SEHR viele gibt, die nicht so denken, im Gegenteil. Es sind unheimlich viele Aktivisten am Werk, das zu ändern, aber für unser einen ist die Begegnung mit oben beschriebener Mentalität natürlich nachhaltig und herausragend schockierend.
Um den Gruselschocker-Eintrag von heute noch zu krönen, fix noch eine "Nachrichten" Anekdote: Letzte Woche haben Patrick und ich vor Lachen platt auf dem Boden gelegen, als in den 22 Uhr Nachrichten von einem Mann berichtet wurde, der im Süden Tennessees 2x von einer Klapperschlange gebissen wurde. Die Story wurde gross über eine halbe Stunde angepriesen und dauerte dann 3 Sätze: Er ist ins nächste Krankenhaus gebracht worden, aber wir haben keine Stellungnahme der Familie. Klapperschlangen können gefährlich, aber nicht unbedingt toödlich sein. Und er war draußen (man höre und staune!), als er gebissen wurde. Und im Libanon wurden wahrscheinlich gerade 15 Kinder von israelischen Raketen getötet. Aber das interssiert natürlich nicht, denn die Mehrheit weiss sicher nicht mal, wo Libanon ist und dann ist das Ganze ja eh für den Weltfrieden. Ich hätte gern geweint, konnte aber irgendwie nur lachen.

So, das war viel. Ich hoffe, ich schockiere Euch mit meinen Geschichten nicht soweit, dass ich Euch nie als Besuch hier sehe... Amerika hat wirklich auch seine guten und schönen Seiten!!! :-) Vielleicht schreibe ich darüber das nächste Mal zum Ausgleich...

Abschliessend noch ein Bild von Patricks und meiner neuen Brille. Das Foto ist kein Meisterwerk, aber für einen Eindruck reicht es.

Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Seid bis dahin wie immer lieb gegrüßt!

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Here's a picture of Patrick's and my new glasses... Harry Potter and the German girl ;-) (And yes, I did write more than that in the text above ;-))

1 comment:

Anonymous said...

hallo,
wie nett, ich musste lachen, die welt ist klein.
ich habe in nashville (vanderbilt) videokassetten für meine doktorarbeit bestellt. letztere schreibe ich in weimar, lebe aber in frankreich.
viel erfolg bei allem
liebe gruesse
katharina