Monday, July 28, 2008

Knoxville in den Nachrichten

Ich vermute, dass die Neuigkeiten aus Knoxville in den internationalen Schlagzeilen angekommen sind - wahrscheinlich als Nebensatz, wenn man bedenkt, was noch gerade alles in der Welt los ist und unsere Aufmkersamkeit fordert. In dem kleinen Knoxville dominiert seit gestern aber ein Thema das Stadtgespraech: Gestern vormittag ist ein 58jaehriger hier in eine Kirche spaziert und hat waehrend einer Auffuehrung der Kinder-und Jugendgruppe in die Menge geschossen. 8 Menschen wurden verletzt, 2 toedlich, ehe der Angreifer von anderen Kirchenbesuchern ueberwaeltigt werden und der Polizei uebergeben werden konnte.

Im ersten Moment kommt einem da vielleicht der Gedanke "na klar, mal wieder ein Amoklauf in den USA...noch dazu in einer Kirche, wie passend" (ging mir auch so). Die Sache hier ist nur, dass diese Kirche zur Abwechslung das tat, was Kirchen meinem Verstaendnis nach tun sollten: Sie akzeptiert Menschen jeglicher Glaubensrichtungen, und es dreht sich alles um Akzeptanz, Gleichberechtigung und Naechstenliebe, die nicht nur gepredigt, sondern zur Abwechslung auch mal umgesetzt wird. Diese Kirche (Uniterian Universalists, eine landesweite Ausrichtung) ist eigentlich weniger eine Kirche und mehr ein Ort, an dem die zusammenkommen koennen, die Veraenderung wollen (sie gilt z.B. auch nicht als christlich, sondern als spiritueller Ort). Sie ist sehr aktiv im Umweltschutz, in Arbeit mit und fuer Minderheiten, in Freiwilligenarbeit, und in der Arbeit fuer die Gleichberechtigung Homosexueller (ein immer noch wahnsinnig grosses Problem fuer viele Amerikaner). Und genau da lag auch fuer diesen Mann das Problem. Es stellt sich heute heraus, dass das Motiv Hass auf Liberale und Homosexuelle war. Der gute Mensch war wohl ein Vietnam-Veteran und arbeitslos und als man ihm die Sozialhilfe gestrichen hat (was, das moechte ich anmerken, die Republikaner immer verlangen, da der Staat bitte nicht die Faulen fuettern soll) war der Frust so gross, dass das Schild an der Kirche, das Schwule zum woechentlichen Treffen einlud, das Fass zum Ueberlaufen brachte. Das ist erschreckend und beaengstigend auf so vielen Ebenen, ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll. Und gerade als ich den Kopf wieder in den Sand stecken wollte, weil tatsaechlich Leute den Taeter als Maertyrer behandeln und auf Zeitungswebsiten seinen Akt loben, und weil wieder die Stimmen derer laut werden, die meinen, das Problem der Amoklaeufer koenne man ganz einfach dadurch loesen, dass man jedem eine Waffe gibt...gerade in dem Moment sind wir zu einem Gedaechtnisgottesdienst fuer die Opfer gegangen. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefuehl, dass alle die, die etwas Verstand in Knoxville haben sich in einem Gebaeude versammelt hatten (wohlbemerkt eine Kirche, und nicht die Uni...raeusper, raeusper).

Das Land ist so gespalten und wenn man den falschen Fernseh- oder Radiosender anschaltet, dann kommt einem so viel Idiotie und Hass entgegen, das ist fuer europaeische Verhaeltnisse wirklich nicht vorstellbar. (Dagegen ist die Bild Zeitung journalistisch anspruchsvoll. ) Auch in den hoffnungsvolleren Zeiten eines afroamerikanischen Praesidentschaftskandidaten und einer Praesidentschaft auf deren Ende selbst nun 70% der Amerikaner hoffen und warten teilen sich die Meinungen zu Themen wir Erderwaermung, Klimawandel, Abtreibung, Homosexualitaet, Waffen, Gesundheitssystem und Krieg so sehr, dass beide Extreme voll ausgefuellt sind. Man kann in diesen Tagen in den USA nicht "nicht politisch" sein. Wie ich schon einmal berichtete ist die politische Einstellung fast zur zweiten Hautfarbe geworden...die Menschen tragen TShirts mit Spruechen, die ihre politischen Einstellungen wiedergeben, sie wohnen in anderen Stadtteilen und kaufen bei anderen Geschaeften ein, sie gehen in andere Kirchen, gucken andere Fernsehsender, hoeren andere Radiosender; sie fahren andere Autos und der Obama- oder Bush- oder McCain-Aufkleber am Auto ist so gut wie Pflicht.

Aber so unterentwickelt, zurueckgeblieben und unfassbar fuer mich die Meinungen einiger hier sind, so sehr muss man auch von denen berichten, die ein anderes Amerika wollen. Die keine Lust mehr auf Weltpolizeigetue haben, die keine Lust mehr auf Kriege und Luegen und hirnamputierte Praesidenten haben; die wissen, dass ein oeffentliches Gesundheitssystem dringend her muss, dass oeffentliche Verkehrsmittel gebaut werden muessen, dass in Bildung und alternative Energie investiert werden muss, dass Rassen- und Geschlechtsunterschiede vom System geschaffen und aufrecht erhalten werden, und und und. Bei allem Schock und allem Unverstaendnis habe ich heute abend hunderte allein hier in Knoxville (was durchaus als provinziell und konservativ gelten kann) gesehen, die ihr Land momentan auch schwer krank finden und hoffen, dass der kommende November drastische Veraenderungen und etwas Heilung bringt...

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